„Empfänger unbekannt“ – Geschichte erleben, verstehen und weitertragen

Text: MSS 13 Stammkurs BI_LK_2, Bilder: Eva Meurer

Geschichte steht in der Schule meist im Schulbuch, auf Arbeitsblättern oder an der Tafel. Sie begegnet uns in Daten, Namen und historischen Zusammenhängen. Manchmal aber braucht es mehr, damit Geschichte wirklich lebendig wird. – Theater kann diesem Wissen ein Gesicht, eine Stimme und eine unmittelbare emotionale Erfahrung geben.

Eine solche Gelegenheit bot sich den Schülerinnen und Schülern der 10., 12. und 13. Jahrgangsstufe des St.-Willibrord-Gymnasiums mit der Theateraufführung „Empfänger unbekannt“ nach dem Briefroman von Kathrine Kressmann Taylor. Wie wird aus einer Freundschaft Feindschaft? Wie schnell können Vorurteile, Ausgrenzung und politische Ideologien das Denken und Handeln eines Menschen verändern? Und was geschieht, wenn ein totalitäres System immer stärker in das Leben Einzelner eingreift?

Das Stück führt zurück in die frühen 1930er-Jahre. Im Mittelpunkt stehen der amerikanische Jude Max Eisenstein und sein deutscher Freund und Geschäftspartner Martin Schulse. Gemeinsam betreiben sie in den USA eine Kunstgalerie. 1932 kehrt Martin mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Zunächst bleibt die Freundschaft trotz der Entfernung bestehen. Die beiden schreiben sich regelmäßig und tauschen sich über ihr Leben und ihre Geschäfte aus. Doch mit der politischen Entwicklung in Deutschland verändert sich auch Martin. Aus dem zunächst kritischen Beobachter wird immer mehr ein überzeugter Nationalsozialist. Seine Briefe werden zunehmend von der Ideologie des Regimes und von antisemitischen Gedanken geprägt.

Für Max ist diese Veränderung kaum zu begreifen. Er sucht nach seinem alten Freund und hofft, dass Martin sich gegen den wachsenden Hass stellen wird. Doch die Freundschaft zerbricht. Besonders erschütternd wird die Geschichte, als Max erfährt, dass seine Schwester, die als Jüdin in Deutschland verfolgt wird, bei Martin Hilfe gesucht hatte – und von ihm abgewiesen wurde. Schließlich kommen die an sie gerichteten Briefe mit dem Stempel „Empfänger unbekannt“ an Max zurück. Gerade diese Geschichte macht deutlich, wie wichtig es ist, die Zeit des Nationalsozialismus nicht nur als vergangenen Stoff im Geschichtsbuch zu betrachten. Geschichte besteht aus Menschen, aus Entscheidungen, aus Freundschaften und Konflikten. Das Theater machte diese Geschichte unmittelbar erlebbar.

Durch die ungewöhnliche Anordnung der Sitzplätze befanden sich die Schülerinnen und Schüler ganz nah am Geschehen. Die körperliche Distanz zwischen den beiden Schauspielern wurde dabei zu einem sichtbaren Bild für die zunehmende Entfremdung zwischen Max und Martin. Die Verzweiflung von Max, Martins fanatischer Wandel und die schrittweise Zerstörung ihrer Freundschaft wurden nicht nur erklärt, sondern gefühlt und erlebt. Entsprechend eindrucksvoll waren auch die Reaktionen des Publikums: Nach dem Schluss herrschte zunächst Stille, bevor langanhaltender Applaus die Schauspieler würdigte. Anschließend entwickelten sich Gespräche und Diskussionen über die Handlung, die Inszenierung und ihre Bedeutung für die Gegenwart.

Gerade darin liegt die besondere Bedeutung eines solchen Theaterstücks. Aufklärung über Antisemitismus, Ausgrenzung, Menschenfeindlichkeit und die Gefahren totalitärer Ideologien bleibt notwendig. Die Geschichte von „Empfänger unbekannt“ zeigt, wie schleichend sich Einstellungen verändern können und welche Folgen es haben kann, wenn Menschen beginnen, Ausgrenzung und Hass zu akzeptieren.

Dass ein Roman aus dem Jahr 1938 auch heute noch so unmittelbar wirkt, zeigt seine bleibende Aktualität. Gerade für junge Menschen eröffnet die Theateraufführung einen anderen Zugang zur Geschichte: Das Schulbuch vermittelt Hintergründe, Daten und Zusammenhänge – das Theater lässt uns dagegen erleben, was politische Entwicklungen mit Menschen machen. Eine solche Veranstaltung verbindet historische Bildung, politische Bildung und kulturelle Erfahrung auf eindrucksvolle Weise und schafft Momente, die weit über eine Unterrichtsstunde hinaus wirken. Damit stellte die Aufführung zugleich eine wichtige Verbindung zur Gegenwart her. Denn Aufklärung über Nationalsozialismus, Antisemitismus, Rassismus und die Gefahren von Ausgrenzung bleibt auch heute eine zentrale Aufgabe von Schule. Geschichte darf nicht zu etwas werden, das lediglich „damals“ passiert ist. Gerade junge Menschen müssen die Möglichkeit erhalten, historische Zusammenhänge zu verstehen und zugleich darüber nachzudenken, welche Verantwortung jeder Einzelne für das Zusammenleben in einer Gesellschaft trägt, damit Ausgrenzung, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit keinen Platz in unserer Gesellschaft finden.

Ein solches Projekt ist nur möglich, wenn viele Menschen und Institutionen es unterstützen. Unser besonderer Dank gilt daher der Sparkasse Bitburg, der Vereinigten Volksbank Bitburg, der Dr.-Hans-Simon-Stiftung, dem Förderverein unserer Schule „Freunde des St.-Willibrord-Gymnasiums“ sowie dem Haus der Jugend Bitburg. Durch ihre großzügige Unterstützung konnte dieses besondere Theatererlebnis für unsere Schülerinnen und Schüler realisiert werden. Ein besonderer Dank gilt außerdem Frau Meurer, die die Aufführungen mit großem Engagement organisiert und ihre Umsetzung an unserer Schule begleitet und ermöglicht hat. Durch ihren Einsatz wurde dieses besondere Theatererlebnis für unsere Schülerinnen und Schüler überhaupt erst möglich. Ohne diese Unterstützung wäre die Umsetzung dieses Vorhabens nicht möglich gewesen. Dafür sagen wir herzlich Danke.

„Empfänger unbekannt“ hat gezeigt, dass Erinnerungskultur dann besonders nachhaltig ist, wenn Geschichte nicht nur vermittelt, sondern erlebbar gemacht wird. Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Aufgaben von Schule: Fragen zu stellen, Menschen zum Nachdenken zu bringen und dafür zu sorgen, dass Geschichte nicht vergessen wird.

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